Obama nennt Bluttat "verachtenswert"
Fünf Polizisten in Dallas getötet
- Veröffentlicht: 08.07.2016
- 21:44 Uhr
- dpa
Sie wollten eine Demonstration gegen Polizeigewalt in der US-Großstadt Dallas schützen - dabei wurden mehrere Polizisten getötet. War der Heckenschütze ein Einzeltäter?
Vermutlich aus Hass auf Weiße sind in der US-Stadt Dallas mindestens fünf Polizisten getötet worden - während eines Protestmarsches gegen Polizeigewalt. Mindestens sieben Polizisten und zwei Zivilisten seien verletzt worden, teilten die Behörden der texanischen Großstadt am Freitag mit.
Unklar blieb, ob es mehrere Täter gab und wie viele Täter auf die Beamten feuerten. Zunächst berichtete die Polizei von mehreren Schützen. Drei Menschen seien festgenommen worden, darunter eine Frau.
Nach einem mehrstündigen Feuergefecht und erfolglosen Verhandlungen sei ein mutmaßlicher Angreifer mit Hilfe eines Roboters getötet worden, an dem ein Sprengsatz angebracht war, sagte der Polizeichef von Dallas, David Brown. Der Mann habe zuvor gesagt, er habe alleine gehandelt und sei kein Mitglied einer Gruppe.
Anlass für Proteste war Tod von zwei Afroamerikanern bei Polizeikontrollen
Am Nachmittag (Ortszeit) sagte Brown bei einer Gedenkveranstaltung, man werde nicht ruhen, bevor alle zur Strecke gebracht seien, die in die Tat verwickelt sein könnten. Die Frage Einzeltäter oder nicht blieb unbeantwortet. Der Sender CNN berichtete unter Berufung auf Sicherheitskreise, dass die Polizei inzwischen von einem einzelnen Schützen ausgehe.
Nach Angaben aus dem Weißen Haus schließen die Ermittler Verbindungen zu Terrororganisationen aus.
Der mutmaßliche Schütze hatte sich stundenlang in einem Parkhaus verschanzt. Während der Auseinandersetzung habe er gesagt, er habe Weiße und vor allem weiße Polizisten töten wollen, sagte Brown. Er habe zudem erklärt, in der Stadt Bomben versteckt zu haben. Einsatzkräfte fanden keine Sprengsätze.
Anlass für die Demonstration am Donnerstagabend (Ortszeit) war der Tod von zwei Afroamerikanern, die in den Bundesstaaten Minnesota und Louisiana binnen zweier Tage durch Polizeischüsse ums Leben gekommen waren.
Schütze war ein 25-Jähriger aus Dallas
US-Medien identifizierten den getöteten mutmaßlichen Schützen als Micah Xavier J. aus Mesquite bei Dallas. Das Pentagon bestätigte der dpa, dass J. von März 2009 bis April 2015 in der US-Armee gedient hatte, in einer Einheit für Tischlerei und Mauerhandwerk.
Brown zufolge wurden die Beamten aus dem Hinterhalt angegriffen; einigen sei in den Rücken geschossen worden. US-Präsident Barack Obama nannte die Tat bösartig, kalkuliert und verachtenswert. Die US-Präsidentschaftsbewerber Hillary Clinton und Donald Trump sowie zahlreiche Prominente zeigten sich schockiert über die Bluttat.
"Es ist eine verheerende Nacht gewesen", erklärte die Polizei über Twitter. CNN sprach vom tödlichsten Tag für die Polizei in den USA seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Damals seien 72 Polizisten ums Leben gekommen.
Obama zeigte sich auf dem Nato-Gipfel in der polnischen Hauptstadt Warschau zutiefst bestürzt über die Bluttat.
UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte: "Es gibt keine Rechtfertigung für solche Gewalt". Er ging aber auch auf den Tod der zwei Afroamerikaner durch Polizeischüsse in den Tagen zuvor ein, die als möglicher Auslöser der Tat gelten. "Diese Tötungen müssen gründlich und unparteiisch untersucht werden. Sie rücken wieder einmal die Notwendigkeit in den Fokus, das Problem der Diskriminierung und Ungleichbehandlung bei der Strafverfolgung anzugehen."
Polizei bittet um Hinweise
Bei den Festgenommenen handelte es sich nach Browns Worten um eine Frau, die in der Nähe des Parkhauses festgenommen wurde, und zwei Männer, die in einem Wagen geflüchtet waren. "Wir sind aber noch nicht vollständig sicher, dass wir alle Verdächtigen in Gewahrsam haben", hatte der Polizeichef am frühen Morgen gesagt.
Zur Identität der Festgenommenen und zu ihrer Hautfarbe machte die Polizei zunächst keine Angaben. Auf Fotos, die US-Medien zufolge den getöteten Micah X. J. zeigen, war ein dunkelhäutiger Mann zu sehen. Brown und Bürgermeister Mike Rawlings sagten, sie wollten aus ermittlungstaktischen Gründen vorerst nur wenige Informationen an die Öffentlichkeit geben.
Die Behörden baten die Bevölkerung um Hilfe. "Wir brauchen Ihre Unterstützung, um Sie vor denjenigen zu beschützen, die für diese tragischen Ereignisse verantwortlich sind", sagte Brown. Die Polizisten hätten unter Einsatz ihres Lebens für die Sicherheit von Zivilisten gesorgt.
Einer der ermordeten Polizisten stand im Dienst des Nahverkehrsunternehmens DART. Er sei der erste im Einsatz getötete DART-Beamte, seit die Behörde 1989 eine eigene Polizei gegründet habe, zitierten Medien einen Sprecher. Drei weitere DART-Angehörige wurden verletzt, wie das Unternehmen auf Twitter mitteilte.
Tötungen durch Polizisten in Louisiana und Minnesota sorgten für Aufschrei
Eine Teilnehmerin des Protestmarschs wurde von einer Kugel am Bein getroffen. Die Frau sei mit ihren Kindern bei der Demonstration gewesen, sagte ihre Schwester vor Reportern. Sie habe sich auf ihr 15-jähriges Kind geworfen, um es vor den Kugeln zu schützen.
Fernsehbilder zeigen das Chaos, als die ersten Schüsse kurz vor 21.00 Uhr (Ortszeit) am Donnerstag fielen. Passanten suchten Schutz in Hauseingängen oder Bushaltestellen. Bei den Schüssen habe sie zunächst an Feuerwerkskörper gedacht, sagte eine Zeugin dem Sender KTVT. Sie sprach von "mindestens 30 Schüssen". Ein Video zeigte einen Schusswechsel zwischen einem Verdächtigen und der Polizei.
Zuvor hatte es in Dallas - wie in New York und anderen US-Städten - friedliche Demonstrationen gegen Polizeigewalt gegen Afroamerikaner gegeben. In Baton Rouge (Louisiana) hatten zwei Polizisten den 37-jährigen Alton Sterling auf einem Parkplatz zu Boden gezwungen und ihn aus nächster Nähe erschossen. Tags darauf starb der 32 Jahre alte Philando Castile in Falcon Heights (Minnesota) im Krankenhaus, nachdem ein Polizist bei einer Fahrzeugkontrolle auf ihn geschossen hatte.
Alltäglicher Rassismus wird beklagt
Der Gouverneur von Minnesota räumte Rassismusprobleme ein. "Wäre das passiert, wenn die Insassen (...) weiß gewesen wären? Ich denke nicht", sagte Mark Dayton. "Ich denke, wir alle in Minnesota müssen eingestehen, dass diese Form von Rassismus existiert."
Angehörige der getöteten Schwarzen sowie die Bewegung Black Lives Matter kritisierten die Schüsse auf die Polizisten scharf.