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Nach dem militärischen Erfolg der syrischen Armee in der Provinz Daraa ist das Schicksal Zehntausender Menschen weiter unklar. Mindestens 60.000 Geflüchtete seien inzwischen wieder in ihre Häuser zurückgekehrt, nachdem sich Rebellen und Syriens Verbündeter Russland auf ein Waffenstillstandsabkommen geeinigt hatten, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Sonntag. Nach UN-Angaben waren insgesamt mehr als 320.000 Menschen vor den Bombardierungen geflohen. Viele Menschen kampierten ohne Schutz in der Nähe der geschlossenen jordanischen Grenze.

Waffenstillstand seit Freitag

Bereits am Freitag hatten sich Rebellen und die russischen Vermittler auf einen Waffenstillstand geeinigt. Teil des Abkommens sei auch die Übergabe schwerer Waffen, hieß es aus Kreisen der Rebellen. Die syrische Armee übernahm zudem nach drei Jahren wieder die Kontrolle über den wichtigen Grenzübergang Nassib in Richtung Jordanien.

Daraa gilt als die Wiege des Aufstands gegen den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Unter den Rebellen vor Ort gibt es zahlreiche unterschiedliche Gruppen und Organisationen, darunter syrische Nationalisten, Anti-Assad-Truppen und Islamisten. Die syrische Armee hatte zusammen mit ihrem Verbündeten Russland eine massive Militäroffensive in der Provinz zu Jordanien und den Golanhöhen begonnen. Sie gab an, gegen "Terroristen" vorzugehen.

Bei den heftigen Gefechten kamen nach Angaben von Menschenrechtsbebachtern mindestens 162 Zivilisten ums Leben. Trotz der Waffenruhe habe es auch am Sonntag wieder Angriffe gegeben, bei denen drei Zivilisten getötet worden seien, teilte die Beobachtungsstelle mit, die ihre Informationen aus einem breiten Netzwerk an Aktivisten vor Ort bekommt.

Über 100 Luftangriffe

Im Südosten der Provinz habe es mehr als 120 Luftangriffe in der Stadt Umm al-Maisan gegeben. Auch am Rand der Provinzhauptstadt Daraa wurden einige Luftschläge gemeldet. Zudem hätten Rebellen ein Treffen syrischer und russischer Soldaten in Daraa angegriffen, berichtete die Beobachtungsstelle.

Am Sonntag war zunächst erwartet worden, dass bis zu 6000 Kämpfer und ihre Familien Daraa in Richtung Nordsyrien verlassen, wie es aus syrischen Militärkreisen hieß. Weitere Kämpfer sollten später folgen.

Trotz des verhandelten Abkommens trauen sich Tausende Flüchtlinge nicht, in ihre Häuser in Daraa zurückzukehren. "Die syrische Armee sucht nach mir", sagte der 45-jährige Abu Mohammed aus Daraa der Deutschen Presse-Agentur. "Meine Familie ist seit vier Jahren in Jordanien, ich selbst darf nicht ausreisen."

Die oppositionelle Syrische Nationale Koalition kritisierte bei einer Pressekonferenz in Istanbul das Waffenstillstandsabkommen. Die Einigung sei unter Einsatz von Waffen, Bombardierungen und Massenmord zustande gekommen, sagte Sprecher Anas al-Abdah. "Der Angriff erinnert an das Vorgehen in Ost-Ghuta." Die syrische Armee hatte dieses Rebellengebiet nahe der Hauptstadt Damaskus vor rund drei Monaten komplett unter ihre Kontrolle gebracht.

Chlorgas eingesetzt

Nach einem Zwischenbericht der Organisation für ein Verbot von Chemiewaffen (OPCW) wurde bei den Kämpfen dort auch Chlorgas eingesetzt. Die Ermittler hätten in der Stadt Duma Spuren des Gases entdeckt. Bei einem Angriff im April waren in Duma rund 40 Menschen getötet und Dutzende verletzt worden. Spuren von Nervengas hätten die Experten aber nicht gefunden, teilte die OPCW mit.

Der Westen hatte die syrische Regierung für den Angriff verantwortlich gemacht. Die USA, Großbritannien und Frankreich hatten auf den mutmaßlichen Angriff mit Chemiewaffen ihrerseits mit Luftangriffen reagiert. Syrien und Russland wiesen die Vorwürfe dagegen zurück. Der Einsatz von Chlorgas ist im Rahmen von Kampfhandlungen zwar verboten, der Stoff gilt aber nicht als Chemiewaffe. Bereits 2014 hatte die OPCW festgestellt, dass Chlorgas in Syrien "systematisch und wiederholt" als Waffe eingesetzt wurde.