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Mit einem modischen Protest machte Natalie Portman (39) bei der letzten Oscar-Gala Schlagzeilen. Sie trug einen Umhang, in dessen Saum die Namen von Regisseurinnen in Gold gestickt waren. Sie wolle an die Frauen erinnern, deren unglaubliche Arbeit von der Academy nicht anerkannt wurde, sagte die Oscar-Preisträgerin im Scheinwerferlicht der Kameras auf dem roten Teppich. In der Sparte «Beste Regie» waren 2020 nur Männer nominiert.

Die Kontroverse um mangelnde Vielfalt kocht bei Hollywoods höchsten Filmpreisen immer wieder hoch. In den letzten Jahren gab es eine Welle von Kritik, mal unter dem Hashtag #OscarsSoMale (Oscars so männlich), mal unter #OscarsSoWhite, als schwarze Talente und andere Minderheiten völlig übergangen wurden. Nicht in diesem Jahr: Bei den 93. Academy Awards ist vieles ganz anders - auch wegen der Corona-Pandemie ist nichts beim Alten.

Schon vor der Trophäenvergabe am Sonntag (25. April) stellen die Britin Emerald Fennell und die in Peking geborene Chloé Zhao einen Rekord auf. Nie zuvor in der langen Oscar-Geschichte waren gleich zwei Frauen in der Regie-Sparte nominiert: Fennell für den Rache-Thriller «Promising Young Woman», Zhao für das Road-Movie «Nomadland». Bis 2020 gingen nur fünf Frauen für den Regiepreis ins Rennen, Kathryn Bigelow («The Hurt Locker», 2010) ist bis jetzt die einzige Oscar-prämierte Regisseurin.

Zhao hat allerbeste Chancen, die männlichen Kollegen Thomas Vinterberg («Der Rausch»), David Fincher («Mank») und Lee Isaac Chung («Minari - Wo wir Wurzeln schlagen») auszustechen. Die 39-Jährige in den USA lebende Filmemacherin holte bereits den Golden Globe und den Spitzenpreis von Hollywoods Regie-Verband. Sie ist die erste nicht-weiße Regisseurin mit Oscar-Chancen und zudem die erste Frau, die in einem Jahr gleich vier Trophäen gewinnen kann: neben Regie auch für Schnitt, das beste adaptierte Drehbuch sowie als Produzentin den Top-Preis für den besten Film.

Mehr als 9000 wahlberechtigte Mitglieder hat die Oscar-Akademie, die Mehrzahl ist weiß und männlich. Doch der Verband ist spürbar um Vielfalt bemüht und lädt deutlich mehr Frauen und Vertreter von Minderheiten als neue Mitglieder ein. Eine Rekordzahl von 70 Frauen wurde diesmal nominiert, rechnet die Academy stolz vor. Ein weiteres Novum: noch nie gab es so viele Menschen, die nicht weiße Amerikaner sind (neun von zwanzig Anwärtern) in den vier Schauspielkategorien.

Die Anfang April verliehenen SAG-Awards von Hollywoods Schauspielerverband gelten als Oscar-Vorbote. Setzen diese Gewinner ihren Siegeszug bei den Academy Awards fort, wäre das ein Vielfaltsrekord: der «Best Actor»-Oscar ginge posthum an den im vorigen August an Krebs gestorbenen Afro-Amerikaner Chadwick Boseman für «Ma Rainey's Black Bottom». Viola Davis würde für ihre Hauptrolle als die schwarze Blues-Sängerin Ma Rainey ausgezeichnet.

Der Nebenrollen-Oscar ginge an den Briten Daniel Kaluuya für seine Darstellung des Black-Panther-Aktivisten Fred Hampton in «Judas and the Black Messiah». Als erste südkoreanische Schauspielerin würde die 73-jährige Yuh-Jung Youn für ihre Nebenrolle als schlagfertige Großmutter in dem Familiendrama «Minari - Wo wir Wurzeln schlagen» in der Oscar-Nacht triumphieren.

Neben Boseman sind unter anderem der britisch-pakistanische Riz Ahmed («Sound of Metal»), «Minari»-Star Steven Yeun und Leinwandveteran Anthony Hopkins («The Father») nominiert, der mit 83 Jahren als ältester Schauspieler einen Oscar besitzen würde. Viola Davis hat im Rennen um den Preis als beste Hauptdarstellerin starke Konkurrenz von Frances McDormand («Nomadland») und Carey Mulligan («Promising Young Woman»).

Zehn Nominierungen für "Mank"

Zahlenmäßig ist die Filmbiografie «Mank» von Regisseur David Fincher mit zehn Nominierungen der diesjährige Oscar-Favorit. Die Schwarz-Weiß-Hommage an Hollywood mit Hauptdarsteller Gary Oldman hat bisher aber kaum Preise gewonnen und muss sich möglicherweise mit Ehrungen in Sparten wie Kostüm oder Szenenbild begnügen. Im vorigen Jahr war der Comic-Thriller «Joker» mit elf Preischancen im Rennen, gewann aber nur zwei Trophäen. Großer Abräumer war der südkoreanische Thriller «Parasite», unter anderem in den Top-Sparten «Bester Film» und Regie.

Auch in dieser Saison stehen kleinere, persönliche Independent-Filme, die für wenig Geld produziert wurden, im Rampenlicht. «Minari» dreht sich um eine südkoreanische Einwandererfamilie im ländlichen US-Staat Arkansas der 80er Jahre. «Nomadland» von Regisseurin Zhao erzählt die Geschichte einer Witwe, die mit wenigen Habseligkeiten als Wohnwagen-Nomadin durch die USA zieht, von Frances McDormand unglaublich lebensnah gespielt. Beide Filme haben je sechs Oscar-Chancen. «Nomadland» holte bereits den Golden Globe und den US-Produzentenpreis als bestes Drama - Zhao sollte am Sonntag mehrere Dankesreden parat haben.

Fraglich ist allerdings, ob in der Oscar-Nacht viele zuhören. Umfragen zufolge sind die nominierten Filme dem großen Publikum kaum bekannt. Es ist kein «Titanic»-Jahr, wie 1998, als der Blockbuster vor über 55 Millionen Fernsehzuschauern abräumte. Schon im vorigen Jahr waren die Einschaltquoten auf 23 Millionen Zuschauer gesunken. Dann kam die Corona-Pandemie und legte das Filmgeschäft mit Kinoschließungen und Drehabsagen praktisch lahm.

Umso mehr legen sich die Show-Produzenten um «Ocean's»-Regisseur Steven Soderbergh ins Zeug, beim Endspurt für die 93. Oscar-Gala Neugier zu wecken. Stars wie Brad Pitt, Harrison Ford und Halle Berry werden Trophäen verteilen, verriet das Team kürzlich. Zoom-Schalten aus den Wohnzimmern der Anwärter sind tabu, sie sollen live dabei sein. Die traditionelle Glamour-Show mit Starrummel auf dem rotem Teppich vor Hollywoods Dolby Theatre fällt aber aus, stattdessen soll die Zeremonie auf mehreren Bühnen spielen. Als neuer Standort kommt das Bahnhofsgebäude Los Angeles Union Station dazu, ebenso sind Schalten aus London und von anderen Zentren geplant.

Spannend ist es allemal, was die Gala-Produzenten in Pandemie-Zeiten auf die Beine stellen. Mit dem Szenario einer weltweiten Virusinfektion, der Millionen Menschen zum Opfer fallen, ist Oscar-Preisträger Soderbergh bestens vertraut. In dem Seuchen-Thriller «Contagion» (2011) beschäftigte sich der Regisseur schon vor zehn Jahren mit Quarantäne-Regeln, Panik und dem Kampf der Wissenschaftler gegen das Virus - in einer fiktiven Pandemie.