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„Man sollte nicht verurteilen und sich auf ein ‚hohes Ross’ setzen“

Angelika Kalwass im Interview

Mehr als 2000 Folgen „Zwei bei Kallwass“ – was ist das für ein Gefühl?

Angelika Kallwass: Ein schönes. Ich bin stolz auf die Redaktion, die Produktion und auch ein bisschen auf mich.

Hat sich Ihr privates Leben durch die Sendung verändert?

Angelika Kallwass: Ja, die Zeit ist ein kostbares Gut geworden, es gibt Dinge, die ich weder in den Hintergrund schieben will noch kann – und das ist meine Familie: mein Mann, meine Kinder und meine Mutter. Was in den Hintergrund getreten ist, sind Freunde. Aber ich habe langjährige Freundschaften gepflegt, die solche Durststrecken durchaus überstehen.

© Stefan Menne - Sat1

Wie begegnet man Ihnen auf der Straße, im Restaurant, in der Öffentlichkeit?


Angelika Kallwass: Das ist unterschiedlich: Es gibt immer wieder Situationen, in denen ich angesprochen werde – meistens in einer sehr angenehmen Art und Weise. Häufig passiert es, dass mir Leute nebenbei, z.B. an der Kasse eines Geschäftes, sagen, dass sie meine Sendung sehr gern sehen. Ich komme dann meistens mit ihnen in ein Gespräch, weil es mich natürlich interessiert, was die Zuschauer gut finden. Ich habe noch nie eine schlechte Erfahrung gemacht.

Hat Sie etwas besonders gefreut?

Angelika Kallwass: Mich freuen immer Sendungen, in denen Kinder, die man nicht haben will, dann doch geboren werden. Wo also ein Schwangerschaftskonflikt bestand – entweder die Partner raufen sich zusammen oder einer erzieht das Kind allein.

Was machen Sie heute anders als zu Anfang?

Angelika Kallwass: Ich bin weniger klassisch therapeutisch-analytisch geworden. Das heißt, ich versuche, mehr die Sprache zu sprechen, die die Zuschauer, die sich nicht in der „Szene“ bewegen, verstehen. Ich habe großes Vergnügen daran, für schwierige Dinge einfache Formeln zu finden. Ich denke, das ist eine didaktische Notwendigkeit, dass ich mich so ausdrücke, dass mich unser Zuschauer versteht.

Gibt es etwas, das man als Moderatorin vermeiden sollte?

Angelika Kallwass: Spontan fallen mir drei Sachen ein. Erstens: Man sollte nichts sagen oder tun, was man nicht auch fühlt, d.h. man sollte wahrhaftig bleiben. Das Zweite ist, sich nicht unbeweglich zu zeigen. Das heißt, wenn mich ein Fall selbst ergreift, erwische ich mich dabei, dass ich feuchte Augen bekomme oder auch richtig wütend werde. Sich bewegen zu lassen, ohne die Kompetenz zu verlieren, ist wichtig. Unser Gefühl signalisiert uns ja etwas über das unseres Gegenübers. Durch diese Bewegung zwischen den beiden Personen kann mein Gefühl bei dem anderen ankommen. Wenn ich Tränen zulassen kann, kann er es auch. Ich finde es wichtig, dass die Zuschauer auch sehen, dass ich Gefühle habe – ich kann mich ärgern, ich kann traurig sein und ich kann lachen. Als Drittes: Man sollte nicht verurteilen und sich auf ein „hohes Ross“ setzen. Es geht um eine bestimmte Haltung: zu verstehen und gleichzeitig Position zu beziehen – etwa so: „Ich verstehe, warum Sie das getan haben, aber es ist nicht in Ordnung, sich so zu verhalten.“

Worum geht es überwiegend in Ihrer Zuschauerpost?

Angelika Kallwass: Unendlich viele depressive und einsame Menschen schreiben Briefe. Relativ häufig sind auch Konflikte zwischen Eltern und Kindern, primär schreiben Mädchen. Das entspricht ja auch unserer therapeutischen Realität, dass relativ viele Frauen in die Praxen kommen und weniger Männer. Frauen bemerken früher, dass etwas nicht stimmt. Sie haben auch weniger Angst, ihr „Gesicht zu verlieren“, wenn sie mit einer Situation nicht zurechtkommen.

Was raten Sie?

Angelika Kallwass: Wenn es ein klinisches Bild ist, schicken wir Adressen und nennen die therapeutischen Gesellschaften in den jeweiligen Städten. Was soll ich sonst machen? In einem Brief kann ich jemandem nicht helfen. Viele Menschen wissen einfach nicht, dass psychotherapeutische Leistungen von der Kasse bezahlt werden und dass sie einen Anspruch auf diese Versorgung haben.